Als mein Körper lauter wurde als mein Wille
- Peggy Zofek

- 12. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Ich habe lange geglaubt, mein Körper würde schon mitziehen.
So wie er es immer getan hat.
Wenn etwas schwer war, habe ich mich zusammengerissen.
Wenn es anstrengend wurde, habe ich weitergemacht.
Wenn Grenzen da waren, habe ich sie ignoriert.
Nicht aus Dummheit.
Sondern aus Gewohnheit.
Ich war leistungsfähig. Klar im Kopf. Belastbar.
Seit ich 16 war, konnte ich mich auf meine körperliche Kraft verlassen – und auf meine Fähigkeit, Verantwortung zu tragen. Das war meine Identität. Mein Fundament.
Bis mein Körper irgendwann aufgehört hat, leise zu sein.
Die Schmerzen waren früher da, als ich dachte
2019 habe ich die Schmerzen zum ersten Mal wirklich wahrgenommen.
Nicht als Ziehen. Nicht als Verspannung.
Sondern als etwas, das sich nicht mehr wegignorieren ließ.
Rückblickend weiß ich: Sie waren vorher schon da.
Ich habe sie nur nicht ernst genommen.
Ich habe funktioniert.
Ich habe gearbeitet.
Ich habe weitergemacht.
Bis es nicht mehr ging.
Meine Hausärztin überwies mich weiter, der Verdacht fiel schnell auf Fibromyalgie. Die Diagnose wurde Ende 2019 gestellt. Vier Wochen Tagesklinik folgten – ein Raum voller Informationen, Gespräche, Fragen.
Und einer Erkenntnis, die mich mehr getroffen hat als jedes Symptom:
So wie bisher konnte mein Leben nicht weitergehen.
Wenn Leistung wegfällt, fällt mehr weg als ein Job
Ich war über 20 Jahre in Führungsverantwortung.
40 Stunden waren die Regel, mehr die Normalität. Verantwortung für andere, Entscheidungen treffen, funktionieren.
Ich habe meinen Beruf geliebt.
Und ich habe mich über ihn definiert.
Mit der Diagnose wurde mir klar:
Ich konnte diesen Job so nicht mehr machen.
Nicht, weil ich nicht wollte.
Sondern weil mein Körper nicht mehr mitging.
Das war kein langsames Loslassen.
Das war ein innerer Zusammenbruch.
Denn zu diesem Zeitpunkt war ich allein.
Getrennt. Meine Tochter lebte ihr eigenes Leben.
Der Job war meine Säule – emotional und finanziell.
Und diese Säule brach weg.
Therapie bedeutet nicht „fertig sein“
Nach der Tagesklinik folgte eine weitere Entscheidung: eine psychosomatische Klinik. Acht Wochen. Intensive Arbeit.
Ich hatte geglaubt, ich sei „durch“.
Ich hatte Jahre zuvor bereits an alten Themen gearbeitet. Ich war abstinent. Ich war reflektiert.
Und trotzdem wurde mir klar:
Das Muster höher, besser, weiter saß tiefer, als ich dachte.
Leistung als Wert.
Durchhalten als Tugend.
„Reiß dich zusammen“ als innerer Befehl.
Ich begann langsam zu verstehen, dass mein Körper nicht mein Gegner war.
Er war mein Korrektiv.
Ich habe es trotzdem noch einmal versucht
Ich wollte es nicht akzeptieren.
Ich bin zurück in den Job.
Dann in die zweite Reihe.
Dann noch einmal ganz neu.
Jedes Mal mit der Hoffnung: Vielleicht klappt es diesmal.
Und jedes Mal wurde mein Körper deutlicher.
Der endgültige Wendepunkt kam nicht mit einer Diagnose.
Sondern mit etwas scheinbar Banalem.
Vier Wochen Büroarbeit.
Sitzend. Computer. Maus.
Dann: ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule.
Ich hatte so etwas vorher noch nie.
Und in diesem Moment wusste ich:
Egal, was ich jetzt noch versuche – es wird sich nichts ändern, wenn ich so weitermache.
Mein Körper hatte all die Jahre gesprochen.
Ich hatte ihn überhört.
Jetzt hat er nicht mehr geflüstert.
„Manche müssen die Pizza 20-mal auskotzen“
Meine Mutter sagte damals einen Satz zu mir, den ich nie vergessen habe:
„Manche müssen die Pizza 20-mal auskotzen, bevor sie merken, dass sie schlecht ist.“
Ich hatte diese Runde gedreht. Immer wieder.
Noch ein Versuch. Noch ein Anpassen. Noch ein Durchhalten.
Mit dem Bandscheibenvorfall ging nichts mehr.
Gar nichts.
Und ich habe zum ersten Mal nicht mehr gekämpft.
Die Entscheidung, die niemand freiwillig trifft
Ich habe Erwerbsminderungsrente beantragt.
Das klingt nüchtern.
Es war alles andere als das.
Für mich bedeutete es:
• Abschied von meiner beruflichen Identität
• Abschied von Selbstverständlichkeit
• Abschied von dem Bild, das ich von mir hatte
Ich war nicht mehr die, die „das schon schafft“.
Ich war gezwungen, stehenzubleiben.
Nicht, weil ich wollte.
Sondern weil es keine Alternative mehr gab.
Ein neuer Maßstab
Heute weiß ich:
Mein Körper hat mich nicht verraten.
Er hat mich geschützt.
Ich habe mir einen Satz tätowieren lassen, der für mich alles verändert hat:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Ich konnte das immer für andere.
Nur nicht für mich.
Heute weiß ich:
Wenn es mir gut geht, kann ich für andere da sein.
Wenn ich mich selbst übergehe, kann ich niemandem helfen.
Warum ich das erzähle
Nicht, um Mitleid zu bekommen.
Nicht, um zu erklären, warum etwas nicht mehr geht.
Sondern weil ich weiß, wie viele Frauen sich in genau diesen Mustern wiederfinden:
• immer stark
• immer verantwortlich
• immer über die eigenen Grenzen
Und irgendwann ist der Körper lauter als der Wille.
Ich wünsche mir, dass dieser Text Hoffnung macht.
Nicht im Sinne von „alles wird gut“.
Sondern im Sinne von:
Es gibt einen Weg.
Auch wenn er anders aussieht als geplant.
Das hier war nicht das Ende meines Lebens.
Es war der Punkt, an dem etwas Neues möglich wurde.
(Fortsetzung folgt.)





Genau so erging es mir. Die Diagnose hat nur viel länger gedauert. Aber Umdenken ist das, was mein Körper und meine Seele braucht. Und hier finde ich jede Menge Inspiration. Danke Peggy 💕