Ich hatte für alle einen Platz – nur nicht mehr für mich
- Peggy Zofek

- 17. Mai
- 5 Min. Lesezeit

Was passiert, wenn Du jahrelang funktionierst und irgendwann merkst, dass Du in Deinem eigenen Leben kaum noch vorkommst.
Es gibt Momente im Leben, die sehen von außen unspektakulär aus.
Ein Termin beim Arzt.
Ein Satz in einer Praxis.
Ein Tag, an dem man zur Arbeit gehen will und der Körper nicht mehr mitmacht.
Für mich begann einer dieser Momente 2016 mit einem vereiterten Zahn.
Ich hatte ihn viel zu lange ignoriert. Nicht, weil ich nicht verstanden hätte, dass etwas nicht stimmt. Sondern weil Arbeit wichtiger war. Weil Funktionieren wichtiger war. Weil ich glaubte, durchhalten zu müssen.
Ich wollte weitergehen. Weiterarbeiten. Weiter stark sein.
Bis mein Körper nicht mehr mitging.
Mein Oralchirurg sagte damals zu mir, dass er mir keine Antibiotika mehr geben würde. Ich müsse mich ausruhen. Die Entzündung müsse zur Ruhe kommen. Mein Körper brauche Ruhe.
Dieser Satz traf mich härter, als ich damals zugeben konnte.
Nicht arbeiten zu können, war für mich kein kleiner Ausfall. Es fühlte sich an wie Versagen. Ich musste meiner Chefin sagen: „Ich kann nicht kommen.“
Für viele klingt das normal. Für mich war es damals ein schlimmer Satz.
Denn mein Platz war über Jahre meine Arbeit gewesen. Dort bekam ich Anerkennung. Dort konnte ich leisten. Dort war ich stark. Dort war ich jemand.
Ich hatte für vieles und viele Menschen Platz.
Für meine Arbeit.
Für meinen Partner.
Für mein Kind.
Für Erwartungen.
Für Familie.
Für Harmonie.
Für das, was andere von mir wollten oder brauchten.
Nur für mich gab es kaum noch Platz.
Ich war die Starke. Die Kümmerin. Die, die Entscheidungen traf. Die, die regelte. Die, die verstand. Die, die weitermachte.
Von außen sah das lange nach Kontrolle aus. Nach Kraft. Nach „die schafft das schon“.
Innen sah es anders aus.
Ich hatte mich selbst immer mehr verloren.
Zu dieser Zeit lebte ich seit vielen Jahren mit einer Essstörung. Bulimie und Magersucht gehörten zu meinem Leben, lange bevor ich Worte dafür hatte, wie tief ich mich selbst ablehnte und wie sehr ich verschwinden wollte.
Das schreibe ich nicht, um Mitleid zu bekommen.
Ich schreibe es, weil es zu meiner Wahrheit gehört.
Ich hatte das tiefe Bedürfnis, dass endlich jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Dass jemand fragt: „Peggy, was ist los? Geht es Dir wirklich gut?“
Aber diese Frage kam nicht.
Also machte ich weiter.
Ich wurde weniger. Körperlich. Emotional. Innerlich.
Ich konnte kaum noch fühlen. Nicht richtig lachen. Nicht klar benennen, was in mir los war. Es war, als hätte ich mich Stück für Stück aus meinem eigenen Leben herausgenommen.
Und dann kam dieser Zusammenbruch.
Der Zahn. Die Entzündung. Die Erschöpfung. Die Schlaflosigkeit. Die Schwäche. Die völlige Kraftlosigkeit.
Mein Körper legte mich nieder.
Mein Hausarzt sagte irgendwann, dass er von einem Burnout ausgeht und mir dringend empfiehlt, mir therapeutische Hilfe zu suchen.
So begann mein neuer Weg.
Ich fand eine Therapeutin. Und in einer der ersten Stunden fragte sie mich, ob sich überhaupt jemals jemand meine Essstörung angeschaut habe.
Meine Antwort war damals: „Ich habe keine Essstörung.“
Heute kann ich darüber nicht lachen. Heute sehe ich, wie tief Verdrängung gehen kann. Nicht aus Dummheit. Nicht aus Schwäche. Sondern weil ein Mensch oft genau das nicht sehen kann, was ihn am meisten schützt und gleichzeitig zerstört.
Diese Therapeutin empfahl mir eine Klinik. Eine Klinik mit Schwerpunkt Essstörung.
Ende Juni 2016 begann dort für mich ein neuer Abschnitt.
Ich weiß noch genau, wie ich dort ankam. Nach außen immer noch stark. So stark, dass mir später eine Frau sagte, sie habe sich damals gefragt, was ich überhaupt in dieser Klinik wolle. Ich hätte gewirkt, als hätte ich mein Leben im Griff.
Das war meine Maske.
Dann saß ich in einem Gespräch mit einem Therapeuten. Ich saß auf einem Stuhl, die Beine eng an den Körper gezogen. So, als dürfte ich nicht einmal auf diesem Stuhl wirklich Raum einnehmen.
Er sah mich an und fragte:
„Wie lange machst Du das schon?“
Und ich brach zusammen.
Nicht, weil der Satz spektakulär war.
Sondern weil ich mich gesehen fühlte.
Zum ersten Mal hatte jemand nicht nur meine Fassade gesehen. Nicht die Starke. Nicht die Funktionierende. Nicht die, die alles im Griff hat.
Sondern mich.
Diesen Moment vergesse ich nicht.
In dieser Klinik ging es acht Wochen lang um mich. Um meine Gefühle. Meine Bedürfnisse. Meine Muster. Meine Geschichte. Meine Verantwortung. Meinen Platz.
Und genau das war unfassbar schwer.
Denn wenn Du jahrelang für alles und jeden Platz hattest, fühlt es sich erst fremd an, wenn sich plötzlich alles um Dich dreht.
Du musst lernen, Dich selbst wieder auszuhalten.
Dich selbst zu hören.
Dich selbst ernst zu nehmen.
Dich nicht mehr nur über Leistung, Anpassung oder Gebrauchtwerden zu definieren.
Heute bin ich seit fast zehn Jahren abstinent von meiner Essstörung.
Das bedeutet nicht, dass mein Weg abgeschlossen ist. Das bedeutet nicht, dass ich heute jeden Tag stabil in meinem Wert stehe. Mein eigener Platz in meinem Leben ist heute da, aber er ist nicht immer fest. Er wackelt an manchen Tagen noch.
Aber heute erkenne ich schneller, wenn ich mich wieder verlassen will.
Heute sehe ich klarer, wo alte Muster beginnen.
Heute suche ich die Schuld nicht mehr nur im Außen.
Heute weiß ich: Ich trage Verantwortung für mein Leben.
Nicht als Druck. Sondern als Möglichkeit.
Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob ich mich wieder übergehe oder ob ich mir Raum gebe.
Und genau deshalb schreibe ich diesen Artikel.
Denn wenn Du Dich darin erkennst, dann geht es nicht nur um Erschöpfung.
Es geht um Deinen Platz.
Es geht um die Frage, ob Du in Deinem eigenen Leben noch vorkommst.
Bist Du nur noch die, die funktioniert?
Die, die versteht?
Die, die aushält?
Die, die immer wieder weitermacht?
Die, die erst dann ernst genommen wird, wenn nichts mehr geht?
Dein Platz in Deinem Leben ist nicht verhandelbar.
Du musst nicht erst zusammenbrechen, um wichtig zu sein.
Du musst nicht erst sichtbar krank aussehen, damit Dein Schmerz zählen darf.
Du musst nicht erst alles verlieren, um anfangen zu dürfen.
Du darfst klein anfangen.
Mit einem ehrlichen Blick.
Mit einem Satz.
Mit einer Grenze.
Mit einer Entscheidung.
Mit dem Eingeständnis: So wie bisher will ich nicht weitermachen.
Genau dafür gibt es den FIBRO-Club. https://share.google/Ofz2Fk8ajMqMe7Xmj
Nicht, weil dort jemand Dein Leben für Dich löst.
Sondern weil Du dort Impulse, Texte, Werkzeuge und Begleitung findest, die Dich wieder näher zu Dir bringen können.
Wenn Du den großen Schritt noch nicht gehen willst, lies mit.
Wenn Du erst einmal leise anfangen willst, werde Mitglied.
Wenn Du tiefer einsteigen willst, schau Dir den 14-Tage-Reset oder die Premium-Begleitung an.
Es ist nie zu spät anzufangen.
Auch dann nicht, wenn Du Dich lange verloren hast.
Dein Platz in Deinem Leben wartet nicht auf Perfektion.
Er wartet auf Deine Entscheidung, ihn wieder einzunehmen.
Herzwärts,❤️
deine Peggy





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