Alle wussten, was ich essen sollte. Nur mein Bauch war anderer Meinung.

Fibromyalgie: Muss ich jetzt auch noch perfekt essen?
Ich habe diesen Brei geliebt. Wirklich. Ich hatte ihn aus einem Klinikaufenthalt mitgebracht: Haferflocken, Körner, geraspelter Apfel, später habe ich auch mit Chiasamen experimentiert. Alles Dinge, bei denen man denkt, dass man seinem Körper etwas Gutes tut. Dazu schmeckte er mir. Eigentlich hätte das wunderbar passen können.
Wenn da nicht mein Bauch gewesen wäre.
Der wurde dick und schwer, ich hatte Blähungen und Bauchschmerzen. Trotzdem habe ich es immer wieder versucht. Mal weniger Haferflocken, mal mehr Chia, mal eine andere Mischung. Vielleicht musste ich einfach noch die richtige Zusammenstellung finden. Schließlich hörte und las ich ständig, wie gut so ein Frühstücksbrei sein sollte.
Dass ich ihn meistens erst mittags aß, war dabei noch das kleinste Problem. Ich bin nämlich keine Frühstückerin. War ich schon als Kind nicht. Trotzdem gab es immer wieder Menschen, die mir erklärten, dass ich morgens etwas essen müsse. Und ich habe zwischendurch versucht, mich danach zu richten, obwohl es überhaupt nicht meinem Rhythmus entsprach.
Rückblickend zieht sich das durch meine Geschichte mit dem Essen: Da war etwas, das angeblich richtig war. Und dann war da ich, zu der es irgendwie nicht passte. Also versuchte ich erst einmal, mich passend zu machen.
Bei mir hat das eine Vorgeschichte. Essen war lange ein schwieriges Thema, und diese Geschichte gehört zu mir. Ich habe Diäten gemacht und Dinge unter dem Deckmantel der Gesundheit getan, die für mich überhaupt nicht gesund waren. Ich kenne das, wenn Regeln vernünftig klingen und man sich daran festhält, obwohl sie einem nicht guttun.
Deshalb möchte ich heute genauer hinschauen, wenn aus „Das könnte ich ausprobieren“ plötzlich wieder ein „Das muss ich jetzt so machen“ wird.
Mit Fibromyalgie ist die Versuchung verständlich. Wenn du Beschwerden hast, willst du etwas tun. Du liest, hörst zu, probierst aus. Vielleicht hilft es ja. Und ehe du dich versiehst, beschäftigt dich beim Essen vor allem, was du weglassen oder anders machen solltest. Dabei wolltest du doch eigentlich nur, dass es dir besser geht.
Ich bin zum Beispiel irgendwann von gewöhnlichem Weizenbrot auf Dinkelbrot umgestiegen, weil ich gelesen hatte, Dinkel sei die bessere Alternative. Ich habe nach und nach geschaut, was mir schmeckt und bekommt. Heute esse ich gern mein Dinkelbrot. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass jede andere Frau genau dieses Brot braucht.
Meine Lieblingssemmeln sind übrigens aus Weizen. Die esse ich hin und wieder trotzdem. Und dann freue ich mich darauf.
Vollkornnudeln habe ich ebenfalls ausprobiert. Da war es ganz einfach: Sie schmecken mir nicht. Ich möchte meine Rigatoni essen und mich auf meinen Teller freuen. Warum sollte ich mir dauerhaft etwas aufzwingen, das ich jedes Mal lieber durch etwas anderes ersetzen würde?
Beim Brei war es schwieriger. Den mochte ich ja. Vielleicht habe ich deshalb so lange daran herumprobiert. Ich wollte, dass etwas, das mir schmeckte und als gesund galt, endlich auch meinem Bauch gefiel.
Irgendwann habe ich ihn weggelassen. Noch einmal angefangen, wieder verändert und schließlich aufgehört. Seitdem bläht sich mein Bauch weniger auf und fühlt sich nicht mehr so schwer an. Woran es genau lag, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass diese Mischung für mich nicht funktioniert hat.
Das einzugestehen hat mich erleichtert. Genauso wie die Entscheidung, mich morgens nicht mehr zum Frühstücken zu überreden. Ich muss aus meinen Mahlzeiten kein Projekt machen, über das ich den halben Tag nachdenke.
Heute gibt es bei mir Pellkartoffeln mit Quark. Manchmal koche ich mittags, manchmal abends. Ich mag frische Champignons mit Nudeln und einer Frischkäsesoße, Brotsalat oder einfach eine Scheibe Brot mit etwas drauf. Je unkomplizierter, desto besser passt es oft in meinen Alltag. Stark verarbeitete Fertigprodukte esse ich möglichst selten, weil ich bei größeren Mengen manchmal Beschwerden bemerke. Trotzdem darf beim Essen außer Haus auch mal eine Pizza oder eine Cola dazugehören.
Was sich dabei am meisten verändert hat, steht allerdings auf keiner Zutatenliste.
Früher habe ich viele Jahre gehört, dass ich nicht kochen könne. Wenn dir das lange genug gesagt wird, glaubst du es irgendwann. Heute sitzt Klaus bei mir am Tisch und freut sich über das, was ich gekocht habe. Er bedankt sich und lobt mich, als wäre ich eine Fünf-Sterne-Köchin.
Dadurch traue ich mich wieder an Dinge heran. Ich schaue in den Kühlschrank, denke erst, dass eigentlich nichts Richtiges da ist, und bekomme dann doch eine Idee. Ich probiere aus und freue mich darauf, ihm das Essen hinzustellen.
Einmal gab es süß-saure Eier. Seine Antwort war: „Okay, ich kann das essen, wird nicht mein Lieblingsessen.“
Damit kann ich wunderbar leben. Mir schmeckt schließlich auch nicht alles.
Vielleicht ist es genau diese Selbstverständlichkeit, die mir beim Essen so lange gefehlt hat: Etwas ausprobieren zu dürfen, ohne es anschließend für immer richtig finden zu müssen. Etwas gern zu essen und trotzdem festzustellen, dass es mir nicht bekommt. Oder eine Mahlzeit einfach zu genießen, ohne sie hinterher zu bewerten.
Ich möchte dir deshalb auch keinen neuen Speiseplan mitgeben. Für mich war es wichtig, meine eigenen Erfahrungen wieder ernst zu nehmen. Essen soll mich versorgen, mir bekommen und Freude machen. Wenn Beschwerden bleiben, darf ich mir Hilfe holen. Ich muss sie weder aushalten noch allein durch immer neue Verbote lösen.
Den Brei habe ich weggelassen. Die Freude am Essen möchte ich behalten.
Kennst du das auch – dass du etwas gegessen oder weggelassen hast, weil es angeblich gut für dich war, obwohl es für dich überhaupt nicht gepasst hat?






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