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Fibromyalgie und Sexualität – wenn Nähe plötzlich schwierig wird

10. Sept.
7 Min. Lesezeit

Über Schmerzen, Fatigue, Schlafprobleme und Brainfog sprechen wir bei Fibromyalgie ständig. Wir sprechen darüber, wie anstrengend der Alltag geworden ist, warum selbst kleine Aufgaben plötzlich viel Kraft kosten und wie schwer es sein kann, anderen diese unsichtbare Erkrankung zu erklären.


Aber was passiert eigentlich mit Nähe, Berührung, Lust und Sexualität?


Darüber wird wesentlich seltener gesprochen. Vielleicht, weil Sexualität noch immer als etwas sehr Privates gilt. Vielleicht aus Scham. Vielleicht auch aus Angst, den Partner oder die Partnerin zu verletzen. Und manchmal fehlen schlicht die Worte für etwas, das man selbst kaum versteht.


Denn wenn eine Berührung, die früher angenehm war, plötzlich wehtut, wenn der Körper erschöpft ist, bevor Nähe überhaupt entstehen kann, oder wenn die Lust scheinbar einfach verschwunden ist, betrifft Fibromyalgie einen Lebensbereich, über den viele Frauen nicht einmal beim Arzt sprechen.


Dabei zeigen wissenschaftliche Untersuchungen sehr deutlich: Das Thema ist real.


Was die Forschung dazu sagt


Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse untersuchte den Zusammenhang zwischen Fibromyalgie und sexuellen Funktionsproblemen bei Frauen. Einbezogen wurden 27 Studien – zehn Fall-Kontroll-Studien und 17 Querschnittsstudien –, die zwischen 2005 und 2023 veröffentlicht worden waren. Die untersuchten Frauen waren zwischen 18 und 81 Jahre alt.


Im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen schnitten Frauen mit Fibromyalgie in allen untersuchten Bereichen der sexuellen Funktion deutlich schlechter ab. Dazu gehörten Lust, Erregung, Lubrikation – also die natürliche Befeuchtung der Scheide –, Orgasmus, Zufriedenheit und Schmerzen.


Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Frau mit Fibromyalgie zwangsläufig sexuelle Probleme hat. Es bedeutet auch nicht, dass Fibromyalgie in jedem einzelnen Fall eindeutig die Ursache dafür ist. Ein großer Teil der ausgewerteten Forschung bestand aus Beobachtungs- und Querschnittsstudien. Diese können Zusammenhänge zeigen, aber nicht zweifelsfrei beweisen, was Ursache und was Folge ist.


Trotzdem ist das Ergebnis wichtig: Schwierigkeiten mit Sexualität treten bei Frauen mit Fibromyalgie nicht nur vereinzelt auf. Sie sind ein ernst zu nehmender Teil der Erkrankung und können die Lebensqualität zusätzlich belasten. Genau deshalb sollten sie weder verschwiegen noch als unwichtig abgetan werden.

(Deggerone et al., 2024⁠)


„Ich möchte, aber ich kann nicht“


Zahlen allein erzählen noch nicht, wie sich das im wirklichen Leben anfühlt.


Eine 2023 veröffentlichte Metasynthese wertete deshalb neun qualitative Studien aus. Dabei ging es um die Erfahrungen von Frauen mit Fibromyalgie und darum, was die Erkrankung für ihre Sexualität und ihre Beziehungen bedeutet.


Die Forschenden fanden drei zentrale Themen:


* „Ich möchte, aber ich kann nicht.“

* Sexualleben und Intimität neu gestalten.

* Mit einer veränderten Sexualität umgehen.


Gerade der erste Satz bringt etwas auf den Punkt, das wahrscheinlich viele Frauen kennen: Es kann durchaus ein Bedürfnis nach Nähe vorhanden sein – und gleichzeitig ein Körper, der gerade nicht mitmacht. Lust und körperliche Belastbarkeit sind eben nicht dasselbe.


In den ausgewerteten Berichten erschwerten vor allem Schmerzen, Steifigkeit, Fatigue und Lustverlust sexuelle Begegnungen. Manche Frauen beschrieben außerdem Unsicherheit, ein verändertes Selbstbild oder die Sorge, den Erwartungen ihres Partners nicht mehr zu entsprechen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig Kommunikation und die Möglichkeit sein können, Intimität anders zu gestalten.

(Granero-Molina et al., 2023⁠)


Warum kann Fibromyalgie Sexualität beeinflussen?


Es gibt wahrscheinlich nicht den einen Grund. Meistens wirken mehrere Dinge zusammen.


Schmerzen und empfindliche Berührungen


Fibromyalgie ist mit weitverbreiteten Schmerzen und einer veränderten Schmerzverarbeitung verbunden. Dadurch können Druck, bestimmte Bewegungen oder Berührungen unangenehm sein. Was an einem guten Tag schön sein kann, kann sich an einem schlechten Tag vollkommen anders anfühlen.


Hinzu kommt bei manchen Frauen eine starke Berührungsempfindlichkeit. Dann kann bereits eine Umarmung oder das Gewicht eines Arms auf dem Körper zu viel sein. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Frau keine Nähe möchte. Es kann bedeuten, dass ihr Körper diese Form der Nähe in diesem Moment nicht gut verträgt.


Auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr können vorkommen. Solche Beschwerden sollten jedoch nicht automatisch der Fibromyalgie zugeschrieben werden. Schmerzen beim Sex können unterschiedliche körperliche Ursachen haben und gehören gynäkologisch abgeklärt – besonders wenn sie neu auftreten, stärker werden oder regelmäßig bestehen.


Erschöpfung und Schlafprobleme


Sexualität braucht nicht immer viel Kraft. Aber sie braucht meistens ein Mindestmaß an körperlicher und innerer Bereitschaft.


Wer bereits für Duschen, Einkaufen, Arbeiten oder einen ganz normalen Tag einen großen Teil seiner Energie verbraucht hat, hat am Abend möglicherweise schlicht keine Reserven mehr. Dann fehlt nicht unbedingt das Interesse am Partner. Es fehlt Kraft.


Schlechter oder nicht erholsamer Schlaf kann diese Situation zusätzlich verschärfen. In der Metasynthese werden Fatigue und Schlafprobleme als Faktoren beschrieben, die gemeinsam mit Schmerzen und Steifigkeit die sexuelle Gesundheit beeinträchtigen können. Das ist ein möglicher Zusammenhang – keine einfache Gleichung nach dem Motto: schlechter Schlaf gleich keine Lust.


Steifigkeit und eingeschränkte Beweglichkeit


Wenn der Körper steif ist, Muskeln schmerzen oder bestimmte Bewegungen Beschwerden auslösen, kann Geschlechtsverkehr körperlich anstrengend werden. Dazu kommt möglicherweise die Angst vor den Schmerzen danach.


Diese Erwartung kann dazu führen, dass eine Frau Nähe meidet, obwohl sie sich eigentlich danach sehnt. Nicht weil sie den Partner ablehnt, sondern weil sie versucht, ihren Körper vor einer weiteren Belastung zu schützen.


Körpergefühl und Selbstbild


Fibromyalgie verändert nicht nur, was ein Körper leisten kann. Sie kann auch verändern, wie eine Frau ihren Körper erlebt.


Vielleicht fühlt sich der eigene Körper nicht mehr selbstverständlich an, sondern unberechenbar. Vielleicht haben Medikamente, weniger Bewegung, hormonelle Veränderungen oder die Erkrankung selbst das Gewicht oder das äußere Erscheinungsbild verändert. Vielleicht ist der Körper gedanklich vor allem noch der Ort, an dem Schmerzen stattfinden.


All das kann das Selbstbild und das Gefühl, begehrenswert zu sein, beeinflussen. Aber auch hier gilt: Das trifft nicht auf jede Frau zu, und es gibt keine „richtige“ Art, den eigenen Körper zu empfinden.


Psychische Belastung


Chronische Schmerzen können emotional erschöpfen. Sorgen, depressive Beschwerden, Ängste, Stress und Konflikte in der Partnerschaft können die Lust beeinflussen. Gleichzeitig können sexuelle Schwierigkeiten wiederum zusätzlichen Druck, Traurigkeit oder Schuldgefühle auslösen.


Es ist also oft schwer, Ursache und Wirkung sauber voneinander zu trennen. Genau deshalb greift die Aussage „Das ist eben psychisch“ viel zu kurz. Körper, Gedanken, Gefühle und Beziehung lassen sich bei Sexualität nicht einfach voneinander abkoppeln.


Medikamente können eine Rolle spielen


Auch Medikamente können die sexuelle Funktion beeinflussen. Das gilt insbesondere für einige Antidepressiva, die bei Fibromyalgie teilweise auch unabhängig von einer Depression eingesetzt werden. Möglich sind beispielsweise eine geringere Lust, Schwierigkeiten mit der Erregung oder ein verzögerter beziehungsweise ausbleibender Orgasmus.


Das bedeutet nicht, dass jedes Medikament solche Nebenwirkungen verursacht oder dass Beschwerden automatisch vom Medikament kommen. Auch die Erkrankung selbst und weitere Belastungen können beteiligt sein.


Wichtig ist: Medikamente sollten deshalb nicht eigenmächtig reduziert oder abgesetzt werden. Wenn sich die Sexualität nach Beginn oder Veränderung einer Behandlung deutlich verändert, darf das offen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden. Es ist eine berechtigte medizinische Frage und keine Nebensache.

(Schweitzer et al., 2009⁠)


Sexualität bedeutet nicht nur Geschlechtsverkehr


Wenn Geschlechtsverkehr schmerzhaft, zu anstrengend oder im Moment nicht gewünscht ist, heißt das nicht automatisch, dass jede Form von Sexualität und Nähe verschwinden muss.


Sexualität kann auch Zärtlichkeit, Berührung, Kuscheln, Küssen, gemeinsames Entspannen oder einfach das Gefühl sein, einander körperlich nah zu sein. Welche Form sich gut und richtig anfühlt, kann von Frau zu Frau und sogar von Tag zu Tag unterschiedlich sein.


Dabei geht es nicht darum, schnell einen Ersatz zu finden, damit bloß wieder etwas „funktioniert“. Auch andere Formen der Nähe sind kein Pflichtprogramm. Entscheidend ist, dass beide Menschen miteinander darüber sprechen dürfen, was möglich ist, was fehlt und wo Grenzen liegen.


Wenn aus Nähe Druck wird


Besonders schwierig wird es, wenn sich unausgesprochene Erwartungen entwickeln.


Die eine Person fühlt sich abgelehnt. Die andere hat Angst, wieder Schmerzen zu bekommen oder nicht das geben zu können, was von ihr erwartet wird. Vielleicht wird Nähe deshalb ganz vermieden, weil jede Berührung sofort als Einladung zu Sex verstanden werden könnte.


Ein offenes Gespräch kann solche Missverständnisse nicht immer sofort lösen. Aber es kann helfen, Ablehnung und körperliche Begrenzung voneinander zu unterscheiden.


Sätze wie diese können einen Anfang erleichtern:


„Ich möchte dir nah sein, aber mein Körper schafft heute keinen Geschlechtsverkehr.“


„Diese Berührung tut mir gerade weh. Eine andere Form von Nähe wäre für mich möglich.“


„Ich weiß selbst noch nicht genau, was sich verändert hat. Aber ich möchte, dass wir darüber sprechen können.“


Dabei sollte es nicht nur darum gehen, was nicht mehr geht. Genauso wichtig ist die Frage, welche Form von Nähe sich im Moment sicher, angenehm und freiwillig anfühlt.


Kein Patentrezept – aber Möglichkeiten


Es gibt kein „Du musst nur“, das dieses Thema löst. Fibromyalgie ist unterschiedlich, Sexualität ist unterschiedlich und Beziehungen sind es ebenfalls.


Mögliche Wege können sein:


* offen über Schmerzen, Wünsche und Grenzen zu sprechen,

* Erwartungen und Leistungsdruck aus der Situation herauszunehmen,

* den Zeitpunkt von Nähe an die eigene Belastbarkeit anzupassen,

* Berührungen und Formen von Intimität zu finden, die sich aktuell angenehm anfühlen,

* bei anhaltenden Schmerzen oder körperlichen Veränderungen ärztliche Ursachen abklären zu lassen,

* bei belastenden Konflikten sexualtherapeutische, psychotherapeutische oder paartherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.


Das sind Angebote, keine Aufgabenliste. Eine Frau muss weder Sex ermöglichen noch eine bestimmte Form von Intimität aufrechterhalten, um eine gute Partnerin zu sein.


Darüber darf gesprochen werden


Keine Frau muss sich rechtfertigen, wenn sie weniger oder keine Lust hat. Sie muss sich auch nicht unter Druck setzen lassen, weil Sexualität vermeintlich zu einer funktionierenden Beziehung dazugehört.


Aber sie muss ebenso wenig akzeptieren, dass dieses Thema überhaupt nicht angesprochen werden darf.


Wenn Schmerzen, Lustverlust oder Veränderungen der Sexualität sie selbst belasten, wenn sie darunter leidet oder wenn daraus Konflikte in der Partnerschaft entstehen, darf Sexualität Teil eines medizinischen oder therapeutischen Gesprächs sein.


Nicht jede Veränderung muss behandelt werden. Nicht jede Frau wünscht sich mehr Sexualität. Entscheidend ist nicht, ob ihr Sexualleben irgendeiner Norm entspricht. Entscheidend ist, ob die Situation für sie selbst in Ordnung ist.


Und vielleicht ist das zunächst das Wichtigste: zu wissen, dass sie mit diesem Thema nicht allein ist. Dass es nicht peinlich ist. Dass es nicht oberflächlich ist. Und dass endlich einmal darüber gesprochen werden darf.


Herzwärts,❤️

deine Peggy


Quellen


1. Deggerone I, Uggioni MLR, Rech P et al. Fibromyalgia and sexual dysfunction in women: A systematic review and meta-analysis. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology. 2024;303:171–179. DOI: 10.1016/j.ejogrb.2024.10.050. PubMed⁠

2. Granero-Molina J, Jiménez-Lasserrotte MDM, Dobarrio-Sanz I et al. Sexuality in Women with Fibromyalgia Syndrome: A Metasynthesis of Qualitative Studies. Healthcare. 2023;11(20):2762. DOI: 10.3390/healthcare11202762. Volltext bei PubMed Central⁠

3. Schweitzer I, Maguire K, Ng C. Sexual side-effects of contemporary antidepressants: review. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. 2009;43(9):795–808. PubMed⁠

4. Erdem İH et al. Evaluation of sexual function and depression in female patients with fibromyalgia. Revista Brasileira de Reumatologia / Advances in Rheumatology. 2023. Volltext bei PubMed Central⁠


Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische, gynäkologische, psychotherapeutische oder sexualtherapeutische Beratung.

 
 
 

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Mary Bleilevens
Mary Bleilevens
vor 4 Tagen
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