Ich weiß es doch. Aber ich schaffe es gerade nicht.
- Peggy Zofek

- 5. Juli
- 6 Min. Lesezeit

Heute hatte ich wieder so ein Gespräch, das noch lange in mir nachgeklungen hat.
Da saß eine Frau vor mir, die schon viele Jahre mit Fibromyalgie lebt. Sie erzählte nicht dramatisch. Sie machte kein großes Theater daraus. Sie sagte einfach, wie ihr Tag aussieht.
Schmerzen. Erschöpfung. Hinlegen müssen. Wieder aufstehen. Wieder merken, dass der Körper nicht mitmacht. Dieses ständige Kreisen um die Frage: Wie stark ist es heute? Wie lange halte ich durch? Was geht noch? Was geht nicht mehr?
Sie wollte gar nicht viel.
Sie wollte raus aus den Schmerzen.
Und raus aus dieser Erschöpfung.
Das waren ihre zwei großen Wünsche.
Kein Luxus. Kein perfektes Leben. Kein „Ich will morgen Bäume ausreißen“. Nur einmal wieder spüren, dass der Tag nicht schon morgens verloren ist. Nur einmal etwas machen können, ohne kurz danach wieder auf die Couch zu müssen. Nur einmal nicht den ganzen Tag vom eigenen Körper beschäftigt werden.
Während sie sprach, hörte ich diesen Ton, den ich inzwischen gut kenne.
Sie hatte schon so vieles ausprobiert. Gefühlt zählte sie mir zehn oder fünfzehn Dinge auf. Nahrungsergänzung, Empfehlungen, Ansätze, Hoffnungen. Alles, woran man sich klammert, wenn man irgendwann einfach nur noch möchte, dass es leichter wird.
Und ich verstand sie.
Wenn dein Körper jeden Tag ruft, suchst du nach etwas, das endlich hilft. Nach einem Strohhalm. Nach einer Tür. Nach einem kleinen Zeichen, dass du nicht für immer in diesem Zustand bleiben musst.
Im Gespräch wurde dann noch etwas anderes sichtbar. Nicht laut. Nicht sofort. Aber irgendwann lag es zwischen uns.
Da war eine Geschichte.
Ein Leben, in dem sie viel getragen hatte. Viel gearbeitet. Viel ausgehalten. Eine Ehe, in der es nicht gut gelaufen war. Erfahrungen, die kein Körper einfach so vergisst. Und ich saß da und dachte: Ja. Da ist wieder dieses Muster.
Ich habe inzwischen so viele Gespräche mit Frauen geführt, die mit Fibromyalgie leben. Über 120, 150 Gespräche werden es gewesen sein. Und ich begleite Frauen seit Jahren auf diesem Weg. Natürlich ist jede Geschichte anders. Kein Leben ist wie das andere.
Aber etwas begegnet mir immer wieder.
Frauen, die über ihre Grenzen gegangen sind. Viel zu lange. Frauen, bei denen es immer um andere ging. Um Kinder. Partner. Eltern. Arbeit. Pflicht. Funktionieren. Durchhalten. Nicht auffallen. Nicht jammern. Nicht schwach sein.
Und irgendwann ist der Körper nicht mehr leise.
Er meldet sich. Erst vielleicht hier und da. Dann lauter. Dann ständig. Und irgendwann dreht sich der ganze Tag nur noch darum, irgendwie durchzukommen.
Dann sagte sie diesen Satz. Nicht genau so, aber dem Sinn nach.
„Ich tue meinem Körper ja auch nichts Gutes. Ich rauche. Ich esse gerne Süßes. Ich bewege mich zu wenig. Ich habe Übergewicht. Ich weiß das alles.“
Und genau da wurde es in mir still.
Weil ich in diesem Satz keine Faulheit hörte.
Ich hörte keine Ausrede.
Ich hörte keine Gleichgültigkeit.
Ich hörte eine Frau, die sich selbst anklagt.
Da war Scham. Da war Hilflosigkeit. Da war dieses schmerzhafte Wissen: Ich weiß es doch. Aber ich schaffe es gerade nicht.
Und ich glaube, genau das ist einer der Punkte, über die viel zu wenig gesprochen wird.
Denn von außen ist es leicht zu sagen: Dann hör doch auf zu rauchen. Dann iss weniger Süßes. Dann beweg dich mehr. Dann kümmer dich besser um dich.
Aber wenn ein Mensch jahrelang über seine Grenzen gegangen ist, dann sucht er sich Wege, um überhaupt durchzuhalten.
Eine Zigarette ist dann nicht nur eine Zigarette. Sie ist ein kurzer Moment, in dem niemand etwas will. Ein Atemzug Pause. Ein kleines Stoppschild im Tag.
Süßes ist dann nicht nur Zucker. Es ist ein schneller Trost. Etwas, das kurz weich macht, wenn innen alles hart geworden ist. Etwas, das für einen Moment sagt: Hier, nimm. Für diesen Augenblick ist es leichter.
Und Bewegung ist dann nicht einfach Bewegung.
Wenn Schmerzen, Erschöpfung, schlechter Schlaf und dieser Nebel im Kopf dein Leben bestimmen, dann ist ein Spaziergang manchmal kein Spaziergang. Dann ist er ein Berg. Dann brauchst du Kraft, bevor du überhaupt anfangen kannst.
Das macht nicht alles gut. Aber es erklärt etwas.
Und Verstehen ist manchmal der erste Moment, in dem ein Mensch aufhört, sich selbst zu zerreißen.
Ich kenne diese Selbstanklage. Ich kenne dieses innere Gericht, das sofort loslegt.
Warum kriegst du das nicht hin?
Warum bist du so?
Warum weißt du es und machst trotzdem weiter?
Warum bist du nicht disziplinierter?
Heute kann ich sagen: Wenn ich es damals anders gekonnt hätte, hätte ich es anders gemacht.
Dieser Satz hat mir irgendwann Frieden gebracht.
Nicht, weil er mich aus der Verantwortung nimmt. Sondern weil er die Schuld wegnimmt.
Es ist ein Unterschied, ob ich mich schuldig fühle oder ob ich erkenne: Ab hier darf ich Verantwortung übernehmen.
Schuld drückt dich tiefer. Verantwortung kann eine Tür öffnen.
Aber diese Tür geht nicht auf, wenn du mit Gewalt dagegen rennst.
Ich erlebe es oft, auch in meinen Begleitungen. Eine Frau entscheidet sich für einen neuen Weg und innerlich ist da sofort diese große Erwartung: Jetzt muss es aber schnell besser werden. Jetzt muss der Schmerz weg. Jetzt muss die Erschöpfung verschwinden. Jetzt muss sich etwas zeigen.
Ich verstehe diese Ungeduld so sehr.
Wenn du lange genug leidest, willst du nicht noch einmal hören, dass etwas Zeit braucht. Du willst nicht noch mehr Geduld haben müssen. Du hattest schon so lange Geduld.
Und trotzdem habe ich für mich gelernt: Erwartung kann sehr schnell wieder weh tun.
Weil Erwartung oft sagt: Wenn es nicht schnell besser wird, war wieder alles umsonst.
Geduld ist anders.
Geduld ist nicht passives Warten. Geduld ist dieses leise Vertrauen: Ich bin auf dem Weg. Ich muss nicht heute mein ganzes Leben lösen. Aber ich gehe nicht mehr zurück in das alte Wegschauen.
Für mich ist genau da das Bild mit der Zwiebel so stark.
Du stehst nicht vor deinem Leben und musst alles auf einmal verstehen. Du musst nicht morgen dein Essen, deine Bewegung, deine Gedanken, deine Vergangenheit, deine Beziehung zu deinem Körper und deine alten Verletzungen gleichzeitig sortieren.
Das überfordert jeden Menschen. Und einen erschöpften Körper erst recht.
Du beginnst mit einer Pelle.
Eine Pelle kann dieser Satz sein: Ich weiß es doch, aber ich schaffe es gerade nicht.
Und anstatt dich dafür fertigzumachen, bleibst du einen Moment dort stehen und fragst dich ehrlich: Was steckt darunter?
Brauche ich Trost? Brauche ich Ruhe? Brauche ich Hilfe? Brauche ich einen Moment, in dem ich nicht funktionieren muss? Brauche ich jemanden, der mich sieht, ohne mir sofort zu sagen, was ich ändern soll?
Eine andere Pelle kann sein: Wo habe ich mich so lange angepasst, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich selbst brauche?
Oder: Welches Bild von meinem Leben versuche ich immer noch aufrechtzuerhalten?
Ich hatte auch so ein Bild.
Ein Bild davon, wie ich sein müsste. Wie mein Körper funktionieren müsste. Wie mein Leben aussehen sollte. Ich habe versucht, diesem Bild gerecht zu werden. Ich habe versucht, es immer weiter zu perfektionieren.
Aber irgendwann musste ich erkennen: Das war nicht mein Leben. Das war eine Illusion.
Ein Bild, das zu Erwartungen passte. Zur Gesellschaft. Zu alten Regeln. Zu dem, was man eben macht. Aber nicht zu einem Leben, in dem ich mich wirklich zuhause fühle.
Und je mehr ich diesem Bild hinterhergelaufen bin, desto weiter habe ich mich von mir selbst entfernt.
Heute weiß ich: Alles spielt mit hinein.
Wie ich lebe. Wie ich esse. Wie ich mich bewege. Wie ich mit mir spreche. Welche Menschen mich umgeben. Was ich über mich denke. Was ich jeden Tag schlucke, obwohl ich längst Nein sagen müsste.
Das ist kein Heilversprechen. Das ist Leben.
Und genau deshalb glaube ich nicht mehr daran, dass Veränderung nur über ein einziges Mittel kommt. Nicht über die eine Tablette. Nicht über das eine Pulver. Nicht über den einen Tipp. Nicht über den nächsten Strohhalm, an den man sich klammert, bis er wieder bricht.
Ich glaube an den Weg zurück zu sich selbst.
Nicht groß. Nicht laut. Nicht perfekt.
Pelle für Pelle.
Und genau diese einzelnen Pellen deiner eigenen Zwiebel nehme ich im Fibro-Kompass mit dir in die Hand.
Da geht es nicht darum, ein neues perfektes Bild von dir zu bauen.
Es geht eher darum, das alte Bild vorsichtig abzulösen. Das Bild, für das du so lange gelebt hast. Das Bild, in dem du funktionieren solltest. Stark sein solltest. Durchhalten solltest. Allen gerecht werden solltest.
Und darunter kommt nicht sofort die große Lösung.
Darunter kommst erst einmal du.
Mit deiner Geschichte. Deinem Körper. Deiner Müdigkeit. Deiner Sehnsucht nach einem Leben, das sich nicht mehr nur nach Aushalten anfühlt.
Vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt.
Nicht mit dem Satz: Ab morgen ändere ich alles.
Sondern mit dem Satz:
Ich schaue jetzt hin .Fibro-Kompass
Eine Pelle.
Heute nur eine.
Herzwärts❤️,
deine Peggy





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