top of page

Mein Körper war nicht der Fehler. Er war mein Helfer.


Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hatte ich eine Möglichkeit, Dinge loszuwerden.


Nicht gesund. Nicht bewusst. Nicht frei. Aber sie war da.


Viele Jahre war die Bulimie für mich ein Weg, etwas aus mir herauszubekommen, wofür ich keine Worte hatte. Ich hätte das damals niemals so benennen können. Ich hätte nicht gesagt: „Ich bin wütend.“ Oder: „Ich bin enttäuscht.“ Oder: „Ich weiß gerade nicht, wohin mit dem, was in mir los ist.“


Ich wusste nur, dass da etwas in mir drückte. Etwas, das zu viel war. Etwas, das raus musste.


Heute, mit Abstand, sehe ich diesen Satz ganz anders: „Es kotzt mich an.“


Früher war das einfach eine Redewendung. Heute erkenne ich, wie nah sie an meiner Wahrheit war. Denn genau das habe ich getan. Ich habe Dinge, die mich innerlich angekotzt haben, nicht ausgesprochen, nicht sortiert, nicht gefühlt, sondern mein Körper hat sie auf seine Weise rausgebracht.


Mein Körper hat ausgesprochen, was ich nicht sagen konnte.


Ich habe viele Jahre gedacht, ich müsste stark sein. Mich zusammenreißen. Haltung bewahren. Nicht aus der Rolle fallen. Nicht laut werden. Nicht weinen. Nicht zu viel sein. Wut war für mich gefährlich, weil ich Wut früh als etwas erlebt habe, das laut wurde, verletzend wurde und den Raum gefüllt hat.


Mein Erzeuger war laut. Wenn er wütend war, wurde geschrien. Und wenn jemand schrie, kam dieser Satz: „Wer schreit, hört auf zu denken.“


Also lernte ich: Wut macht dich falsch. Wut macht dich hässlich. Wut macht dich dumm.


Also habe ich sie geschluckt.


Oder anders rausgelassen.


Nicht als Worte. Nicht als Grenze. Nicht als klares: „Stopp, so nicht.“ Sondern gegen mich.


Später kam die nächste Schicht dazu. Ich war jung, ich war früh in Verantwortung, ich war Führungskraft. Und da hieß es dann: Contenance bewahren. Du bist Vorbild. Du reißt dich zusammen. Du klärst Dinge sachlich. Du verlierst nicht die Fassung.


Und irgendwann konnte ich das.


Das ist ja das Verrückte daran. Irgendwann funktioniert es wirklich. Du schluckst deine Wut runter und merkst: Geht ja. Dann schluckst du deine Trauer runter. Geht auch. Dann deine Angst. Dann deine Enttäuschung. Dann deine Scham.


Bis du irgendwann voll bist.


Pappesatt.


Nicht vom Essen. Sondern von allem, was nie rausdurfte.


Ich war satt von unausgesprochener Wut. Satt von Enttäuschungen, über die ich nie gesprochen hatte. Satt von Trauer, die ich nicht einmal als Trauer erkannt habe. Und wenn ich heute auf diese Worte schaue, die wir im Alltag so benutzen, dann merke ich erst, wie viel Wahrheit manchmal darin steckt.


„Ich schlucke das runter.“


„Mir liegt etwas im Magen.“


„Ich habe die Nase voll.“


„Ich kann es nicht mehr tragen.“


„Es schnürt mir die Kehle zu.“


Wir sagen solche Sätze oft einfach so dahin. Aber vielleicht lohnt es sich manchmal, kurz stehen zu bleiben und zu fragen: Was sagt mein Körper da eigentlich gerade? Was sagt meine Sprache über mich, lange bevor ich selbst verstanden habe, was wirklich los ist?


Ich dachte früher, Trauer bedeutet, dass jemand stirbt.


Heute weiß ich: Man kann auch um eine Ehe trauern. Um eine Freundschaft. Um ein Leben, das man sich anders vorgestellt hatte. Um das kleine Mädchen in einem, das einfach nur mal gehalten werden wollte.


Nach meiner Trennung habe ich lange nicht geweint. Gar nicht. Ich dachte: Es ist vorbei. Also weiter.


Bis ich in der Klinik bei einer Trauerbegleiterin saß und sie mich fragte, ob ich jemals um meine Ehe getrauert hätte.


Ich weiß noch, dass ich innerlich fast irritiert war.


Um meine Ehe trauern?


Da ist doch niemand gestorben.


Aber genau da lag der Punkt. Es war etwas gestorben. Ein Bild. Ein Versprechen. Eine Hoffnung. Vielleicht auch ein Teil von mir, der so gerne geglaubt hätte: Diesmal hält es.


Und irgendwann kamen die Tränen.


Nicht sofort. So funktioniere ich nicht. Aber sie kamen. Und mit ihnen kam etwas zurück, das ich so lange weggedrückt hatte.


Ich glaube heute: Viele von uns haben nicht zu wenig Gefühl. Wir haben zu viel Gefühl, das nie einen sicheren Platz bekommen hat. Zu viel Wut, die nicht sein durfte. Zu viel Trauer, die übergangen wurde. Zu viel Angst, die mit „sei stark“ zugedeckt wurde. Zu viel Scham, über die niemand gesprochen hat.


Ich habe mich so oft geschämt. Auch für meinen Erzeuger. Für den Alkohol. Für sein Verhalten. Für dieses Hin und Her zwischen Vergöttern und Wegstoßen. Da war Bewunderung. Da war Ekel. Da war Sehnsucht. Da war Scham.


Und wohin mit all dem, wenn du als Kind gar nicht weißt, wohin damit?


Du legst es irgendwo ab.


Im Körper. In der Anspannung. Im Zusammenreißen. Im Funktionieren.


Bei mir war lange die männliche Seite stärker. Nicht, weil sie mein ganzes Wesen war, sondern weil sie mich geschützt hat. Hart sein. Leisten. Durchziehen. Nicht jammern. Nicht bedürftig sein. Nicht weich werden.


Dabei gab es diese andere Seite ja auch.


Die weiche. Die weibliche. Die kreative. Die, die früher gestalten wollte. Die Dekorateurin. Die, die Schönheit gesehen hat. Farben. Formen. Räume. Verbindung.


Aber irgendwann ging es nicht mehr um Schönheit. Es ging ums Schuften. Ums Überleben. Ums Starksein.


Und diese weiche Seite in mir wurde immer leiser.


Bis mein Körper lauter wurde.


Die Diagnose Fibromyalgie allein hat bei mir noch nicht sofort alles verändert. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Da kam die Diagnose und dann war alles klar.


Nein. Ich brauchte noch Zeit. Ich brauchte noch Umwege. Ich brauchte noch mein Leben, das mir deutlicher ins Gesicht sprach.


2022 dachte ich noch einmal: Gut, dann mache ich eben etwas anderes. Einen Job, der körperlich leichter ist. Zahnarztpraxis. Sitzen, stehen, Computer. Das müsste doch gehen.


Vier Wochen später hatte ich einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule.


Und da stand ich innerlich da und dachte:


Wie laut soll mein Körper denn noch schreien?


Wie deutlich muss er noch werden?


Was muss eigentlich noch passieren, bis ich begreife, dass ich nicht nur meinen Arbeitsplatz wechseln muss, sondern meine Art zu leben?


Das war einer dieser Momente, die nicht schön sind, aber ehrlich.


Heute kann ich sagen: Mein Körper war nicht der Fehler. Er war mein Helfer.


Nicht bequem. Nicht sanft. Nicht immer freundlich. Aber ehrlich.


Er hat mich gezwungen hinzuschauen. Auf meine Grenzen. Auf alte Verletzungen. Auf meine Wut. Auf meine Trauer. Auf meine Art, immer erst für andere da zu sein. Auf alles, was ich gelebt habe. Und auf alles, was ich nicht gelebt habe.


Heute sind meine Beine meine Alarmglocke.


Wenn meine Beine sich melden, weiß ich: Peggy, schau hin. Irgendwo gehst du gerade wieder über deine Grenze. Irgendwo bist du nicht im Fluss. Irgendwo hältst du wieder etwas zurück.


Dann frage ich mich nicht mehr nur: Was ist falsch mit meinem Körper?


Ich frage mich öfter: Was will er mir gerade zeigen?


Das ist für mich ein riesiger Unterschied.


Und vielleicht ist genau das der erste kleine Moment, in dem sich etwas verändern darf. Nicht sofort das ganze Leben. Nicht alles auf einmal. Aber diese eine ehrliche Frage:


Wann war ich eigentlich das letzte Mal wirklich wütend?


Nicht gereizt. Nicht genervt. Nicht „ach, ist schon gut“.


Sondern wütend.


Wann habe ich das letzte Mal gesagt: Das hat mich verletzt? Das war zu viel? So geht es für mich nicht weiter?


Und wann habe ich das letzte Mal geweint, ohne mich sofort wieder zusammenzureißen?


Nein, ich sage damit nicht, dass Fibromyalgie nur durch Gefühle entsteht. So einfach ist es nicht. Und so respektlos würde ich über diese Erkrankung niemals sprechen.


Aber ich glaube zutiefst: Unser Körper und unsere Gefühle leben nicht in getrennten Zimmern.


Wenn ich über Jahre Wut schlucke, Trauer wegdrücke, Angst überspiele und immer nur stark bin, dann verschwindet das nicht einfach. Irgendwann sucht es sich einen Weg.


Bei mir hat mein Körper diesen Weg übernommen.


Und ja, auch die Forschung schaut längst darauf, wie Emotionsregulation, Körperwahrnehmung und chronischer Schmerz zusammenhängen. Für mich war das keine Theorie. Für mich war es irgendwann mein Leben.


Heute sehe ich meinen Körper anders.


Nicht mehr als Feind.


Mehr als Freund, der manchmal deutlicher wird, wenn ich mich selbst wieder überhöre.


Und vielleicht ist das die liebevollste und gleichzeitig unbequemste Erkenntnis meines Lebens:


Mein Körper war nie gegen mich.


Er war für mich.


Er wollte mich nicht zerstören. Er wollte mich zurückholen. Zurück zu mir. Zurück zu meiner Wahrheit. Zurück zu dem Teil in mir, der nicht immer stark sein muss. Zurück zu der Frau, die weich sein darf. Wütend sein darf. Traurig sein darf. Bedürftig sein darf. Lebendig sein darf.


Vielleicht geht es nicht darum, noch härter zu werden.


Vielleicht geht es darum, endlich weicher mit sich zu werden.


Nicht schwächer.


Weicher.


Ehrlicher.


Menschlicher.


Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann mach daraus bitte keinen neuen Druck. Du musst jetzt nicht sofort dein ganzes Leben aufräumen. Du musst nicht in deiner Vergangenheit wühlen und alles noch einmal durchleben.


Aber vielleicht darfst du anfangen, deinem Körper anders zuzuhören.


Nicht nur: Wo tut es weh?


Sondern auch: Was trage ich gerade? Was schlucke ich gerade runter? Wo sage ich Ja, obwohl mein ganzer Körper Nein sagt? Wo war ich zu lange stark, obwohl ich eigentlich gehalten werden wollte?


Genau darum geht es für mich auch im Fibro-Kompass. 👉 Fibro-Kompass


Nicht darum, dir noch mehr Druck zu machen. Nicht darum, dir zu sagen, was du alles falsch gemacht hast. Sondern darum, wieder Kontakt zu dir selbst aufzunehmen. Schritt für Schritt. Körper, Geist und Seele nicht länger getrennt voneinander zu betrachten, sondern wieder hinzuhören, wo dein eigener Weg vielleicht schon längst nach dir ruft.


Vielleicht beginnt Heilung nicht immer mit einer großen Antwort.


Vielleicht beginnt sie manchmal mit einer ehrlichen Frage:


Was habe ich so lange geschluckt, dass mein Körper heute für mich sprechen muss?


Herzwärts❤️

deine Peggy

 
 
 

1 Kommentar

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Tanja
01. Juli
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Peggy das ist so schön ehrlich geschrieben und natürlich finde auch ich mich in einigen Punkten wieder ❤️

Gefällt mir
bottom of page