Irgendwo auf dem Weg ist sie verloren gegangen.
- Peggy Zofek

- 7. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Ein Kapitel über das Verlorengehen und Wiederfinden von sich selbst
Der Wecker klingelte jeden Morgen um dieselbe Zeit. Noch bevor meine Füße den Boden berührten, lief in meinem Kopf schon der ganze Tag ab. Nicht hektisch. Nicht laut. Eher wie ein Film, den ich schon tausendmal gesehen hatte.
Ich stand auf, machte das Bett, ging ins Bad und schminkte mich. Die Kleidung hing meistens schon fertig bereit. Die Schuhe mussten zum Gürtel passen, die Haare ordentlich sitzen.
Es durfte nichts zufällig aussehen. Nichts chaotisch. Nichts weich.
Während die Kaffeemaschine lief, zog ich mir je nach Temperatur noch schnell eine Jacke über, nahm meine Schachtel Zigaretten und setzte mich auf unsere Terrasse. Ich konnte noch nie gut im Stehen rauchen. Also saß ich dort jeden Morgen mit meinem Kaffee in der Hand und der Zigarette zwischen den Fingern und schaute irgendwo hin, ohne wirklich etwas zu sehen.
Damals dachte ich, das sei normal.
Arbeiten. Funktionieren. Sich kümmern. Durchhalten.
Das Haus musste ordentlich aussehen, bevor ich ging. Und wenn ich abends nach Hause kam, wollte ich, dass es genauso aussah wie am Morgen. Alles hatte seinen Platz. Alles musste kontrolliert bleiben, weil ich innerlich längst nichts mehr unter Kontrolle hatte.
Heute weiß ich, dass ich damals schon müde war.
Nicht die Müdigkeit nach einer schlechten Nacht.
Es war eine andere Müdigkeit.
Eine Müdigkeit, die tief irgendwo drinnen saß.
Aber ich hätte das niemals so gesagt.
Ich wusste gar nicht mehr, wie man über Gefühle spricht.
Wenn ich als Kind geweint habe, hieß es: „Heul nicht rum.“ Wenn ich traurig war, sollte ich mich nicht so anstellen. Und irgendwann hörte ich einfach auf zu fühlen. Nicht bewusst. Es passierte langsam. Wie etwas, das sich über Jahre still in einem Menschen ausbreitet.
Ich wurde hart.
Still hart.
Nicht laut. Nicht aggressiv. Eher kontrolliert. Beherrscht. Funktionierend.
Und ich trug diese Härte überall mit hin.
In meiner Kleidung.
In meiner Haltung.
In meinem Blick.
In der Art, wie ich mit mir selbst gesprochen habe.
Ich weiß noch, wie sehr ich mich als junges Mädchen für meinen Körper geschämt habe. Mein Onkel machte Witze über meine kleinen Brüste und ich stand dort, vielleicht 14 Jahre alt, mit Tränen in den Augen und dem Gefühl, nicht richtig zu sein. Ich weiß noch, wie ich geweint habe und wie er sagte: „Jetzt backt sie wieder Brezeln“, weil sich mein Mund beim Weinen verzog. Alle lachten. Und ich stand einfach nur da und schämte mich.
Später kamen andere Sprüche dazu. Andere Männer. Andere Situationen. Irgendwann entstand in mir dieser Gedanke, dass ich wenigstens dünn sein musste, wenn ich schon nicht weiblich genug war.
Heute klingt das traurig.
Damals war das einfach meine Wahrheit.
Je dünner ich wurde, desto größer wurde gleichzeitig dieser Wunsch in mir, dass endlich irgendjemand sehen möge, dass es mir nicht gut ging.
Heute weiß ich, dass meine Essstörung nie wirklich etwas mit Essen zu tun hatte.
Es war ein Hilfeschrei.
Ein stiller Hilfeschrei.
Kurz bevor ich damals in die Klinik gegangen bin, habe ich noch Fotos von mir machen lassen. Viele Jahre später zeigte ich Klaus diese Bilder und er sagte nur: „Das sieht man doch sofort. Hat das damals niemand gesehen?“
Nein.
Hat niemand.
Und genau das war das Schlimmste daran.
Ich hungerte mich immer weiter runter und hoffte gleichzeitig die ganze Zeit, dass endlich irgendjemand erkennt, wie schlecht es mir wirklich ging.
Aber mein Umfeld sah nur die Frau, die alles im Griff hatte.
Die funktionierende Peggy.
Die starke Peggy.
Die gepflegte Peggy.
Die organisierte Peggy.
Niemand sah die kleine Peggy dahinter.
Das kleine Mädchen, das früher lachend durchs Wohnzimmer gehüpft war, während Musik aus dem Tonband lief. Dieses kleine Mädchen im Röckchen, das getanzt und gelacht hat und geglaubt hat, dass die Welt offen vor ihm liegt.
Irgendwo auf diesem Weg ist dieses Mädchen verloren gegangen.
Und je weiter ich mich von mir selbst entfernt habe, desto müder wurde ich.
Am Anfang war es nur Erschöpfung. Dann wurde es dieses Gefühl, morgens schon nicht mehr zu können. Ich saß auf unserer Terrasse, rauchte meine Zigarette und dachte immer häufiger nur noch:
Ich kann nicht mehr.
Nicht dramatisch.
Nicht laut.
Eher wie ein Gedanke, der sich langsam überall ausbreitet.
Ich kann nicht mehr.
Und gleichzeitig wusste ich überhaupt nicht, wie es anders gehen soll.
Ich war damals 45. Heute glaube ich, dass mein ganzes System längst geschrien hat. Nicht nur mein Körper. Meine Seele auch.
Und dann kam dieser Tag in der Klinik.
Der erste Tag.
Ich saß dort und Peter, mein Therapeut, schaute mich einfach nur an und sagte:
„Boah. Wie lange machst du das eigentlich schon?“
Mehr nicht.
Keine große Analyse.
Keine Therapiefloskeln.
Nur dieser eine Satz.
Und in genau diesem Moment ist etwas passiert, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass mich jemand wirklich sieht.
Nicht die Rolle.
Nicht die Maske.
Nicht die starke Frau.
Sondern mich.
Und plötzlich wusste ich:
Ich existiere noch.
Die kleine Peggy war noch da.
Vielleicht verschüttet unter all den Jahren voller Härte, Kontrolle, Funktionieren und Kampf.
Aber sie war noch da.
Heute, zehn Jahre später, bin ich immer noch unterwegs. Das hier ist kein Happy End und keine Geschichte darüber, wie plötzlich alles gut wurde. Es ist eher ein Kapitel aus meinem Leben.
Ein Kapitel über das Verlorengehen und das langsame Wiederfinden von sich selbst.
Und genau deshalb gibt es heute den Fibro-Kompass.
Nicht weil ich glaube, dass man sein Leben von heute auf morgen verändern kann.
Und auch nicht, weil ich denke, dass jeder denselben Weg gehen muss wie ich.
Aber vielleicht musst Du nicht erst zehn Jahre lang suchen, kämpfen, funktionieren und immer wieder dieselben Runden drehen, bis irgendwann endlich jemand zu Dir sagt:
„Boah. Wie lange machst du das eigentlich schon?“
Vielleicht braucht es manchmal einfach einen Menschen, der Dich wirklich sieht.
Der erkennt, wie müde Du eigentlich bist.
Wie erschöpft.
Wie lange Du schon kämpfst.
Der Fibro-Kompass 👉Dein Weg zur Veränderung
ist aus genau diesem Wunsch entstanden.
Nicht aus Theorie.
Sondern aus meinem eigenen Weg.
Aus all den Erfahrungen, Erkenntnissen und Dingen, die mir in den letzten zehn Jahren geholfen haben, mich selbst Stück für Stück wiederzufinden.
Und vielleicht ist genau das manchmal der erste Schritt:
Nicht länger alles alleine tragen zu müssen.
Herzwärts❤️
deine Peggy





Liebe Peggy, mir ging es ähnlich wie dir. Ich hatte mein Inneres Kind auf dem Weg durch mein problembehaftetes Leben verloren. Ich habe unentwegt funktioniert und mein einziger Gedanke war, Alles um mich herum am Laufen zu halten. Dieses endlose Funktionieren hatte mich und mein Inneres Kind unsichtbar gemacht. Ich wurde nicht gesehen und wahrgenommen. Jetzt ist es höchste Zeit, etwas zu ändern! Und dank Dir, habe ich damit beginnen können. DANKE ❤️